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Warum dieser „Fachtag Demenz“ in besonderer Erinnerung bleiben wird

Das gab es noch nie in der Geschichte der Bezirkskliniken Schwaben: Gleich zwei Bundesminister waren zu Gast an einem ihrer Standorte, darunter der Bundesgesundheitsminister. So geschehen am Freitag, 21. September 2018, als Jens Spahn (CDU) gemeinsam mit Entwicklungshilfeminister Dr. Gerd Müller (CSU) dem Bezirkskrankenhaus (BKH) Kempten eine Kurzvisite abstatteten. Am Nachmittag fand dort ein „Fachtag Demenz“ statt, den das BKH zusammen mit dem Klinikverbund Kempten-Oberallgäu und der Alzheimergesellschaft Allgäu (Selbsthilfe Demenz) veranstalteten. Die prominenten Politiker – beide auf Wahlkampftour - nutzen die Gelegenheit, um an diesem Nachmittag auch die Notaufnahme am Klinikum zu besichtigen. Anschließend fuhren sie nach Immenstadt, um am dortigen Klinikum mit den Verantwortlichen sowie mit Medizinern und Pflegekräften über Sorgen, Nöte und Wünsche zu sprechen.

Als Prof. Dr. Markus Jäger, Ärztlicher Direktor des BKH Kempten, in der vollbesetzten Mehrzweckhalle verkündete, dass im Verlauf des Fachtages die beiden Bundesminister dazu stoßen würden, gab es unter den Gästen ein überraschtes „Oooooh“. Nur wenige hatten davon gewusst. Und tatsächlich: Nach etwa einer Stunde trafen Spahn und Müller (mit Frau Gertie Müller-Hoorens) am Klinikum ein und nahmen, nachdem sie den längeren Weg vom Haupteingang durch die langen Gänge zum BKH zurückgelegt hatten, in der ersten Reihe der Mehrzweckhalle Platz. Begleitet wurden sie unter anderem von Bezirksrätin Renate Deniffel, vom Kemptener Oberbürgermeister Thomas Kiechle und vom Oberallgäuer Altlandrat Gebhard Kaiser. Thomas Kreuzer, Fraktionsvorsitzender der CSU im Bayerischen Landtag, war auch angemeldet, hatte sich aber nach einem häuslichen Sturz einer OP unterziehen müssen und musste deswegen kurzfristig absagen.

Chefarzt Prof. Jäger war über die hochrangige Delegation sehr erfreut: „Dies zeigt, dass die Politik uns wahrnimmt.“ Das Thema Demenz sei keine rein ärztliche Angelegenheit, sondern multiprofessionell anzugehen, so Jäger. Er dankte namentlich Stephanie Kirschhock vom BKH für die Organisation der Veranstaltung. Anwesend war auch Klinikums-Geschäftsführer Michael Osberghaus.

Gesundheitsminister Spahn nannte die Krankheit Demenz eine „Geisel der Menschheit“. In Deutschland seien 1,7 Millionen Frauen und Männer daran erkrankt. Es sei also jeder 40. davon betroffen. „Bedenklich ist, dass wir wenig zur Behandlung haben und gar nichts zur Heilung“, sagte Spahn. Deshalb gelte es: „forschen, forschen, forschen“. Ein Durchbruch wäre nicht nur für die Betroffenen ein Gewinn, sondern würde auch das Gesundheitssystem enorm entlasten.

Zusammen mit der SPD-Familienministerin Dr. Franziska Giffey hat Spahn nach eigener Aussage erst vor kurzem die Entwicklung einer nationalen Demenzstrategie angestoßen. Ziel sei es, alle handelnden Ebenen untereinander zu vernetzen. „Auch die Themen Forschung, Prävention, Begleitung von Familien und dementiell Erkrankten gehören dazu“, so der Minister. Die Bundesregierung könne nur Unterstützung geben, sie könne nichts „wegheilen“. Und es helfe nicht eine einzige Maßnahme weiter, dazu seien sehr viele notwendig. Eine der wichtigsten aus seiner Sicht ist die Unterstützung der pflegenden Angehörigen.

Jens Spahn spannte den Bogen vom „Zurückgewinnen des Vertrauens, das wir verloren haben“ über die Bedeutung von Schulungen bis hin zum Ansehen der Pflege in der Gesellschaft. „Wie redet die Pflege eigentlich selbst über die Pflege?“, lautete seine rhetorische Frage, auf die er sogleich genauer einging. Die Pflegekräfte sollten auch mal sagen „Es bewegt sich was!“ und erzählen, wie schön und erfüllend dieses Berufsbild sein kann. „Wenn immer nur das Schlechte in den Mittelpunkt gestellt wird, dann kriegen wir keinen anderen Geist rein“, meinte der Bundesgesundheitsminister. Bei den Zahlen, die für Neueinstellungen im Raum stehen, warnte er vor Luftschlössern. Wenn es gelänge, die Arbeits- und Rahmenbedingungen zu verbessern, um Pflegekräfte in Teilzeit zu motivieren, wieder mehr Stunden zu arbeiten oder gar auf Vollzeit umzusteigen, „dann wäre schon viel passiert“, so Spahn.  

Dr. Gerd Müller berichtete, dass seine Schwiegermutter an Demenz erkrankt sei. Die Krankheit sei die Herausforderung für die Gesellschaft – und ein großes Thema für medizinische Forschung und Pflege, meinte der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das sehen auch die Experten so. „Neuropathologische Erkrankungen werden an Bedeutung gewinnen“, sagte der Ärztliche Direktor des Klinikums Kempten, Prof. Dr. Ricardo Felberbaum, bei seiner Begrüßung. Es komme stark darauf an, wie wir mit den Betroffenen umgehen, auf sie eingehen. Renate Barnsteiner, 1. Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Allgäu e.V. Selbsthilfe Demenz, forderte: „Das Thema muss Chefsache werden!“ Insbesondere die Diagnostik und Versorgung in Akutkrankenhäusern müsse besser werden.

Den ganzen Nachmittag über – auch vor und nach dem Besuch der Politikprominenz - stiegen die Referenten gemeinsam mit den Teilnehmern des Fachtags tief in fachliche Details ein. Die Vortragenden sorgten mit ihren lebendigen, praxisnahen Ausführungen dafür, dass die Zuhörer viel Fachwissen mitnehmen konnten.

Wenn das Gedächtnis abnimmt, die Hirnfunktionen Schwächen zeigen und leichte kognitive Störungen beginnen, dann sei es wichtig, die Stärken des jeweils Betroffenen zu betonen und als Kompensation einzusetzen, so Diplom-Psychologin Irma Jörg, Psychologische Psychotherapeutin und Leitende Neuropsychologin am BKH Kempten. Stärken können zum Beispiel Bewegung, Ernährung und planerische Fähigkeiten sein.

Viel Applaus erhielt Prof. Dr. Veronika Schraut von der Hochschule Kempten mit ihrem Vortrag „Geh weg, du Hexe“, bei dem es um herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz ging. Prof. Schraut, eine examinierte Altenpflegerin, war es dann auch, die die beiden Minister zum kurzen Dialog an einen Stehtisch bat. Einige Themen, die angerissen wurden: Forschungsprogramme, Verbesserung des Pflegenotstandes und die Frage: Kann Demenz besiegt werden?

Tiefer in die Materie stiegen später Elisabeth Hörmle, onkologische Fachkrankenschwester mit geriatriespezifischer Zusatzqualifikation, und Sven Gotthard, Krankenpfleger Alterspsychiatrie (beide BKH Kempten), ein. Der Titel ihrer Ausführungen lautete: „Körperpflege – das braucht’s doch nicht?!“ Michael Hartel, Leitender Oberarzt Akutgeriatrie am örtlichen Klinikum, beleuchtete die Zusammenhänge zwischen Sturz und Demenz und ihre Besonderheiten. Die Möglichkeit zum Besuch der Wanderausstellung „Was geht. Was bleibt. Leben mit Demenz“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege rundete den gelungenen Fachtag ab. Einen, der nicht zuletzt aufgrund der prominenten  Überraschungsgäste in besonderer Erinnerung bleiben wird.